Victor Schiering

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Victor Schiering, 2011

Victor Schiering ist ein deutscher Intaktivist, der 2014 und seit 2016 auf dem WWDOGA Reden hielt. Er ist Vorsitzender von MOGiS e.V., Mitglied im Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V. und war Mitglied im BAK Säkulare Grüne.

Schiering ist Mitunterzeichner der "Stellungnahme zur Vorhautbeschneidung" von 2014.

Auf der Fachtagung Jungenbeschneidung in Deutschland - eine Bestandsaufnahme an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf am 08.05.2017 hielt er zusammen mit Önder Özgeday als Betroffener einen Vortrag.[1]

2019 sprach Victor Schiering auf der von TERRE DES FEMMES zusammen mit MOGiS e.V. und dem Projekt 100% MENSCH organisierten Podiumsdiskussion in der Ibn-Rushd-Moschee in Berlin zur Kampagne "Mein Körper - unversehrt und selbstbestimmt".[2]

Videobotschaften 2020

2020 sprach er als Vorsitzender von MOGiS e.V., dem Organisator des WWDOGA, in gleich drei Videobotschaften zum WWDOGA:

Eine Frage

Liebe Interessierte des Weltweiten Tags der genitalen Selbstbestimmung! Schön, dass Sie dieses Video ansehen.

Heute möchte ich Ihnen mal eine Frage stellen. Würden Sie folgender Aussage zustimmen: "Die Entfernung der Vorhaut stellt eine Verstümmelung dar." Das können Sie jetzt bitte einfach mal für sich überlegen, ob Sie sich jetzt melden würden, wenn wir zusammen in einem Raum wären und ich Sie um Handzeichen bitten würde.

Der Höchste Gerichtshof in Australien hat im Herbst 2019 diesen Satz bejaht und bestätigt in einem Urteil. Und zwar ging es dort um sogenannte "weniger invasive Formen weiblicher Genitalverstümmelung". Und was zur Diskussion stand, war die Entfernung der Vorhaut der Klitoris, dem sogenannten clitoral hood. Und zwar hatten Verteidiger solcher Formen von weiblicher Genitalverstümmelung geklagt, Einspruch erhoben gegen ein Urteil und gesagt, was sie da gemacht hätten, sei gar keine Verstümmelung, weil ja nur die Klitorisvorhaut betroffen sei, was auch bestätigt wurde durch medizinische Gutachten. Und der High Court, der höchste Gerichtshof aus Australien, hat dem widersprochen - ich habe hier einen Bericht darüber, kann man überall im Internet lesen in Medienberichten - und hat bestätigt, es sei eine Verstümmelung, denn die Klitorisvorhaut gehöre zur Klitoris und damit sei der Begriff richtig.

Jetzt kann vielleicht jeder von Ihnen mal für sich überlegen, ob er / sie ein anderes Handzeichen gegeben hätte, wenn man diese Information vorher gehabt hätte, dass es sich hier bei diesem Zitat um die Klitorisvorhaut handelte. Und falls das Urteil abweicht, wäre das vielleicht ein interessanter Impulsgeber, zu reflektieren, inwieweit Geschlechter-Stereotypen und kulturelle Prägungen ausschlaggebend sein könnten für Dinge, wie wir sie beurteilen. So wäre vielleicht das Urteil in unterschiedlichen Kulturräumen ganz anders ausgefallen. Denn kulturelle Prägungen sind unglaublich unterschiedlich.

Die Unterstützenden des Weltweiten Tags der genitalen Selbstbestimmung kommen aus ganz unterschiedlichen Kulturen. Und das ist ja auch das Interessante an diesem Tag. Was sie aber eint, ist, dass alle der gleichen Meinung wären wie hier der australische Gerichtshof. Jede Form ist Verstümmelung, wenn sie ohne Einverständnis, das mündige und informierte Einverständnis der betreffenden Person erfolgt. Wir wenden uns gegen Normierung von Kindern. Private parts ar private parts. Das soll so sein und das soll so bleiben. Wir stehen für Verschiedenheit. Diversität ist etwas Schönes. Dankeschön für Ihre Aufmerksamkeit.
Victor Schiering (WWDOGA 2020)[3]

Sprache

Liebe Interessierte des Weltweiten Tags der Genitalen Selbstbestimmung. Heute möchte ich nochmal über Sprache reden. Sprache verrät sehr viel. Gerade auch unbewusst. Und ich möchte einfach solche Begriffe wie "ein Stück Haut" oder "ein Fetzen Haut" gar, das möchte ich einfach nicht mehr lesen müssen. Das ist menschenunwürdig, so über menschliche Genitalien zu sprechen. Waren wir da nicht eigentlich schon einmal weiter?

Es gibt allerdings auch noch Steigerungen. Zum Beispiel in der ZEIT hat der leitende Redakteur Patrik Schwarz im Januar 2019 geschrieben, durch eine Vorhautentfernung sei der - jetzt zitiere ich: "normale Gebrauch des Penis nicht beeinträchtigt". So weit sind wir inzwischen gekommen! Es wird einem aus der ZEIT vorgeschrieben, was der "normale Gebrauch" eines Penis sein soll. Welche Maßstäbe gelten da eigentlich? Vielleicht die dieses Herrn und der Menschen, die ihn unterstützen? Aber was geht diesen Menschen mein Penis an? Oder der Penis anderer Millionen Menschen? Das sind reaktionäre Denken, denen wir ganz klar die "Rote Karte" zeigen müssen.

Und im Endeffekt ist für mich da auch ganz klar der Bogen geschlagen zur "Demo für alle" [Anti-LGTTIBQ*-Aktion]. Ja, die wollen uns ja jetzt auch vorschreiben, mit wem wir Sex haben und zu welchem Zweck. Und wir sagen, dazu gehört auch MIT WAS man Sex hat. Auch das soll einem jetzt wieder genormt vorgeschrieben werden? Nein. Der Weltweite Tag der Genitalen Selbstbestimmung sagt dazu: NEIN!

Private parts are private parts! Niemand hat darüber zu bestimmen, was ich mit meinen Genitalien tue, und mit wem ich es mache - natürlich im gegenseitigen Einverständnis. Sowas geht einfach nicht! Bitte widersprecht dem! Wir leben in einer Meinungsfreiheit. Jeder kann auch den größten Mist auf der Welt schreiben. Juristen werden mir widersprechen und sagen, auch das hat Grenzen, aber das ist nicht meine Baustelle. Im Prinzip darf jeder sagen, was er will. Aber man muss Widerspruch ernten, man muss ganz starken Widerspruch ernten, wenn diese Ebenen erreicht werden, nur weil man unbedingt Genitalverstümmelung an Jungen, koste es, was es wolle, weiter irgendwie verteidigen will.

Dem möchte ich jetzt aber mal etwas Positives entgegensetzen. Und zwar - das ist schon ein paar Jahre alt - aus der Stellungnahme des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte zur Anhörung im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages am 26.11.2012. Da stehen zwei Sätze, die ich sehr, sehr bemerkenswert finde:

  • "Auch Eltern können hier ihre Einwilligung nicht stellvertretend für das Kind geben, da der Eingriff medizinisch nicht notwendig ist und die Eltern" - jetzt kommt's: - "überhaupt nicht beurteilen können, welche Ansprüche an die Intaktheit seiner Körperoberfläche und seine sexuelle Erfüllung der Junge später hat oder nicht. Eigene Ansprüche können hier kein Maßstab sein."

Genau! Meine eigenen Ansprüche sind MEINE! Aber die möchte ich auch frei für mich stellen können. Und nicht nur in dem Maß, was mir, wenn ich erwachsen werde, noch von meinen Genitalien zur Verfügung steht, wenn das andere bestimmt haben, wenn sie ihre Maßstäbe auf mich angesetzt haben. Und ich finde diesen Satz so bemerkenswert, weil er etwas ausdrückt, das wirklich signifikant für den Weltweiten Tag der Genitalen Selbstbestimmung steht, nämlich: Respekt.

Es steht mir nicht zu, die Hand anzulegen an [das] Genital eines Kindes. Denn jeder Mensch hat das Recht, sich voll zu entfalten, das eigene Potenzial uneingeschränkt zu entdecken, was die Natur diesem Menschen mitgegeben hat. Ist das nicht eigentlich etwas sehr Schönes? Deswegen gefällt mir der Satz so, weil er sagt: Stopp! Da ist eine Distanz. Das steht uns nicht zu. Vielleicht hilft das manchen, die dieses Thema schwierig finden. Es hat eigentlich etwas mit Loslassen zu tun. Einfach zuzulassen, dass jeder Mensch verschieden sein darf und dass uns das reich macht.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Victor Schiering (WWDOGA 2020)[4]

Solidarität

Liebe Interessierte des Weltweiten Tags der genitalen Selbstbestimmung. Mein Name ist Victor Schiering. Ich bin Vorsitzender von MOGiS e.V. - Eine Stimme für Betroffene, ein Verein von Betroffenen von Eingriffen in die sexuelle Selbstbestimmung im Kindes- und Jugendalter. Dieser Verein wurde vor etwas über 10 Jahren gegründet als Verein von Betroffenen sexuellen Kindesmissbrauchs. Im Laufe der Jahre hat sich dieser Verein aber auch geöffnet für Betroffene von anderen Eingriffen in die sexuelle Selbstbestimmung im Kindes- und Jugendalter, zum Beispiel auch Genitaleingriffe. So bin ich auch zu diesem Verein gekommen.

Das heißt, Solidarität ist ein Grundprinzip unseres Vereins. Denn man muss sich ja auch unter unterschiedlichen Betroffenen-Gruppen einigen, wie steht man eigentlich zusammen, was für Dinge haben wir vielleicht gemeinsam bei möglichen Folgen von dem, was wir erlebt haben. Wir haben keine "Hierarchie des Leidens", dass wir uns gegeneinander sagen: "Du bist jetzt aber viel weniger schlimm dran" usw. Das sind alles ganz individuelle Punkte. Denn jeder hat seine eigene Geschichte, jeder Mensch. Und es steht niemand anderem überhaupt zu, darüber zu urteilen, wie schlecht oder gut es einem damit geht. Das kann nur die betreffende Person selber beurteilen.

Solidarität steht also über allem. Das ist auch ein Punkt des Kölner Urteils, das wir in dieser Woche wieder feiern. Der achte Jahrestag des Kölner Urteils, denn da ist eigentlich etwas Unglaubliches passiert: Man hat eine nicht-therapeutische Vorhautamputation an einem Jungen als Straftat bewertet. Auf welcher Grundlage hat man das getan?

Im Jahr 2000 hat der Deutsche Bundestag ein Gesetz beschlossen: das Recht auf gewaltfreie Erziehung für jedes Kind. Ob man etwas schon lange gemacht hat, schon immer getan hat, wie man es beurteilt oder beabsichtigt - das spielte seitdem keine Rolle mehr. Ein sehr hoher Maßstab, den sich unsere Gesellschaft damit gesetzt hat!

Die Richter des Kölner Landgerichts haben das ernstgenommen. Genau das, was zum Beispiel Jurist*innen immer wieder müssen: abklopfen, werden wir eigentlich unseren Maßstäben gerecht in dem, was passiert, was wir zu beurteilen haben. Und in dem Fall haben sie einen bis dato blinden Fleck erhellt und gesagt, auch da müssen wir diesen Maßstab ansetzen. Wir können nicht einzelne Kinder aufgrund ihres Genitals einfach herausselektieren und für die andere Maßstäbe gelten lassen, als wenn diese Kinder ein anderes Genital hätten. Auch da ist also wieder Solidarität ein ganz ausschlaggebender Punkt.

Manchmal denk ich zurück und bin erschüttert über die Stellungnahmen, die es damals gab, wie Menschen gegen dieses Kölner Urteil, gegen diesen Akt der Solidarität gewettert haben. Und zwar nicht nur Menschen, die damit vielleicht in irgendeiner Weise kulturell berührt sind, sondern auch Menschen, die eigentlich ganz unabhängig sein müssten. Dann denk ich wieder, okay, lasst uns nach vorne schauen, dass sind die Geschichten von 2012. Heute ist das Jahr 2020 und wir haben immer mehr Menschen, die verstehen, wie wichtig dieser Impuls damals eigentlich war.

So, und jetzt kommen wir zum dritten Punkt der Solidarität: Der Weltweite Tag der genitalen Selbstbestimmung ist jetzt auf noch höherer Ebene eine Gemeinschaft von Menschen unterschiedlichster kultureller Prägungen, die sich diesem Grundsatz verschreiben. Wie ja auch in der der UN-Kinderrechtskonvention verankert ist:

  • Kein Kind darf aufgrund seines Geschlechts benachteiligt oder bevorzugt werden.

Das ist sozusagen ein Antidiskriminierungsgrundsatz, der hier im Weltweiten Tag der genitalen Selbstbestimmung seinen Ausdruck findet, in einem großen Bündnis.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
Victor Schiering (WWDOGA 2020)[5]

Publikationen

Weblinks

Einzelnachweise