Kanada: Unterschied zwischen den Versionen
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Die nicht-therapeutische Beschneidung von Kindern ist nicht Teil der Kultur vieler kanadischer Minderheiten. Die französischsprachigen Einwohner von Quebec und anderswo befürworten im Allgemeinen keine Beschneidung. Die männliche Beschneidung ist nicht Teil der einheimischen Kultur der indigenen Inuit-, First Nations- und Métis-Bevölkerung (4,3 % der Bevölkerung). | Die nicht-therapeutische Beschneidung von Kindern ist nicht Teil der Kultur vieler kanadischer Minderheiten. Die französischsprachigen Einwohner von Quebec und anderswo befürworten im Allgemeinen keine Beschneidung. Die männliche Beschneidung ist nicht Teil der einheimischen Kultur der indigenen Inuit-, First Nations- und Métis-Bevölkerung (4,3 % der Bevölkerung). | ||
Die medizinisierte Genitalbeschneidung von Säuglingen und Kindern wurde zuerst in Kanada während der Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts von englischsprachigen Personen aufgrund der damaligen Mode des [[ | Die medizinisierte Genitalbeschneidung von Säuglingen und Kindern wurde zuerst in Kanada während der Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts von englischsprachigen Personen aufgrund der damaligen Mode des [[Vereinigtes Königreich|Vereinigten Königreichs]] gefördert. Ärzte empfahlen die Genitalbeschneidung sowohl bei männlichen als auch bei weiblichen Kindern, um Masturbation sowie verschiedene Krankheiten wie Epilepsie und Tuberkulose zu verhindern.<ref name="chhrp2018">{{REFdocument | ||
|title=International NGO Council on Genital Autonomy Supplementary Country Report Submission on Canada to the U.N. Committee on the Rights of the Child | |title=International NGO Council on Genital Autonomy Supplementary Country Report Submission on Canada to the U.N. Committee on the Rights of the Child | ||
|url=http://chhrp.org/wp-content/uploads/2019/11/Canada-Supplementary-Report.pdf | |url=http://chhrp.org/wp-content/uploads/2019/11/Canada-Supplementary-Report.pdf | ||
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Die [[Canadian | Die [[Canadian Paediatric Society]] (CPS) veröffentlichte 1975 ihre erste Erklärung zur Beschneidung von Neugeborenen. Die Erklärung besagte: „Es gibt keine medizinische Indikation für die Beschneidung während der Neugeborenenzeit.“ Die CPS bezeichnete die Amputation als „obsolete Operation“ und rechnete mit einem „stärkeren Rückgang des Prozentsatzes beschnittener Säuglinge“.<ref name="cps1975">{{REFjournal | ||
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== Stellungnahmen medizinischer Fachgesellschaften == | == Stellungnahmen medizinischer Fachgesellschaften == | ||
=== Canadian | |||
Die [[Canadian | === Canadian Paediatric Society (CPS) === | ||
Die [[Canadian Paediatric Society]] (CPS) nahm 1975 Stellung gegen die nicht-therapeutische Beschneidung von Jungen und erklärte, sie habe "keine medizinische Indikation" und sei eine "obsolete Operation".<ref name="cps1975"/> | |||
Der CPS griff die Beschneidung 1996 erneut auf und empfahl: | Der CPS griff die Beschneidung 1996 erneut auf und empfahl: | ||
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|Autor=[[Canadian | |Autor=[[Canadian Paediatric Society]] 1996 | ||
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{{Zitat | {{Zitat | ||
|Text=Während es für einige Jungen in Hochrisikopopulationen und unter Umständen, in denen das Verfahren zur Verringerung oder Behandlung der Krankheit in Betracht gezogen werden könnte, einen Vorteil geben kann, empfiehlt die Canadian | |Text=Während es für einige Jungen in Hochrisikopopulationen und unter Umständen, in denen das Verfahren zur Verringerung oder Behandlung der Krankheit in Betracht gezogen werden könnte, einen Vorteil geben kann, empfiehlt die Canadian Paediatric Society nicht die routinemäßige Beschneidung jedes männlichen Neugeborenen. | ||
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|Autor=[[Canadian | |Autor=[[Canadian Paediatric Society]] (2015) | ||
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=== College of Physicians and Surgeons of British Columbia (CPSBC) === | === College of Physicians and Surgeons of British Columbia (CPSBC) === | ||
Das [https://www.cpsbc.ca/ College of Physicians and Surgeons of British Columbia] hat drei Leitlinien für seine Mitglieder bezüglich der nicht-therapeutischen männlichen Beschneidung von Kindern herausgegeben. Die neueste (2009) sagt ausschnittsweise: | Das [https://www.cpsbc.ca/ College of Physicians and Surgeons of British Columbia] hat drei Leitlinien für seine Mitglieder bezüglich der nicht-therapeutischen männlichen Beschneidung von Kindern herausgegeben. Die neueste (2009) sagt ausschnittsweise: | ||
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=== Canadian Urological Association (CUA) === | === Canadian Urological Association (CUA) === | ||
Die [[Canadian Urological Association]] (CUA) befasste sich mit der Frage der Beschneidung und gab im Februar 2018 eine Erklärung ab. Die CUA kam zu dem Schluss: | Die [[Canadian Urological Association]] (CUA) befasste sich mit der Frage der Beschneidung und gab im Februar 2018 eine Erklärung ab. Die CUA kam zu dem Schluss: | ||
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|etal=yes | |etal=yes | ||
|title=Canadian Urological Association guideline on the care of the normal foreskin and neonatal circumcision in Canadian infants (abridged version) | |title=Canadian Urological Association guideline on the care of the normal foreskin and neonatal circumcision in Canadian infants (abridged version) | ||
|trans-title=Leitlinie der Canadian Urological Association zur Pflege der normalen Vorhaut und Neugeborenenbeschneidung bei kanadischen Säuglingen (gekürzte Version) | |||
|language=Englisch | |||
|journal=Can Urol Assoc J | |journal=Can Urol Assoc J | ||
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}} | }} | ||
== Verfügbarkeit der Kostenübernahme == | |||
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Kanada hat vierzehn Einzelzahler-Krankenversicherungspläne (HIP, ''health insurance plan'') – einen für jede der zehn Provinzen und drei Territorien und einen 14. Plan für Regierungsangestellte. Der HIP von British Columbia hörte in den 1980er Jahren auf, für nicht-therapeutische Beschneidungen zu zahlen. Der Ontario HIP stellte im Juli 1995 die Zahlung für nicht-therapeutische Beschneidung ein; Saskatchewan hörte 1996 auf. Nach und nach hörten alle anderen HIPs auf, für nicht-therapeutische Beschneidungen zu zahlen. Im Jahr 2006 war Manitoba HIP der letzte, der aufhörte, aber erst, nachdem der falsche Junge im [http://www.sbgh.mb.ca/ St. Boniface Hospital] beschnitten worden war.<ref>{{REFnews | |||
|title=Circumcision mix-up | |title=Circumcision mix-up | ||
|url=http://www.cirp.org/news/canadacom11-18-05/ | |url=http://www.cirp.org/news/canadacom11-18-05/ | ||
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}}</ref> | }}</ref> | ||
[[ | [[Kostenübernahme]] für nicht-therapeutische Beschneidung ist derzeit nirgendwo in Kanada verfügbar.<ref name="jamesloewen2019">[[James Loewen]] (2019). Persönliche Kommunikation.</ref> Eltern, die einen Sohn beschneiden lassen möchten, müssen die Kosten der Beschneidung aus eigener Tasche bezahlen.<ref name="rediger-muller2013">{{REFjournal | ||
|last=Rediger | |last=Rediger | ||
|first=Chris | |first=Chris | ||
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}}</ref> | }}</ref> | ||
== | == Gründe für Beschneidung == | ||
Brown & Brown (1987) | Brown & Brown (1987) und Rediger & Muller (2013), die in Saskatoon arbeiteten, stellten fest, dass „die Beschneidungsraten bei männlichen Neugeborenen weiterhin stark vom Beschneidungsstatus des Kindesvaters beeinflusst werden“.<ref name="brown-brown1987">{{REFjournal | ||
|last=Brown | |last=Brown | ||
|first=Mark S. | |first=Mark S. | ||
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|DOI= | |DOI= | ||
|accessdate=2019-11-10 | |accessdate=2019-11-10 | ||
}}</ref> <ref name="rediger-muller2013"/> | }}</ref><ref name="rediger-muller2013"/> | ||
Dank des Rückgangs der Beschneidungshäufigkeit in Kanada, der vor Jahrzehnten begann, gibt es immer weniger beschnittene Väter, so dass man erwarten würde, dass die Beschneidungshäufigkeit in Kanada weiter zurückgeht. | |||
== | == Todesfälle durch Beschneidung in Kanada == | ||
In Kanada wurden verschiedene durch Beschneidung verursachte Todesfälle gemeldet, einer in British Columbia und zwei in Ontario. Es mag andere geben, weil [[Tod]] durch Beschneidung möglicherweise nicht richtig gemeldet wird. | |||
* Chino Burrell: 7 | * Chino Burrell: 7 Monate alt, [[Todesopfer|Tod durch Beschneidung]], [https://www.sickkids.ca/ Hospital for Sick Children], Toronto, Ontario, Kanada, 9. Juni 1974. | ||
* {{REFweb | * {{REFweb | ||
|url=http://www.circumstitions.com/death-exsang.html | |url=http://www.circumstitions.com/death-exsang.html | ||
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}} | }} | ||
Siehe auch: [[Todesopfer]]. | |||
== | == Nicht-therapeutische Beschneidung und kanadisches Recht == | ||
Die nichttherapeutische Beschneidung von Kindern in Kanada ist eine Praxis, deren Rechtmäßigkeit ungewiss ist. | |||
Die ''Charta der Rechte und Freiheiten'' (1982) gibt in [https://www.canada.ca/en/canadian-heritage/services/how-rights-protected/guide-canadian-charter-rights-freedoms.html#a2e Artikel 7] jedem Kanadier das Recht auf Sicherheit der Person.<ref name="chhrp2018" /> | |||
Darüber hinaus ist Kanada ein Vertragsstaat des der Vereinten Nationen | |||
[[Margaret A. Somerville]], | |||
Darüber hinaus ist Kanada ein Vertragsstaat ''[https://www.ohchr.org/EN/ProfessionalInterest/Pages/CCPR.aspx Pakts über bürgerliche und politische Rechte]'' der Vereinten Nationen (1966) und der ''[https://www.ohchr.org/en/professionalinterest/pages/crc.aspx Kinderrechtskonvention]'' (1989), die beide Kindern verschiedene [[Menschenrechte]] gewähren, die durch nicht-therapeutische Kinderbeschneidung verletzt werden. | |||
[[Margaret A. Somerville]], damals Direktorin des [https://www.mcgill.ca/study/2010-2011/faculties/law/information/law_centre_for_medicine_ethics_and_law McGill Center for Medicine, Ethics and Law], schrieb im Jahr 1993 an Pierre Blais, damals Justizminister und Generalstaatsanwalt, und schlug vor, dass „die männliche Beschneidung nicht vollständig verboten würde. Vielmehr würde die Beschneidung von Personen, die nicht in der Lage sind, für sich selbst zuzustimmen (was natürlich alle Säuglinge einschließen würde), nicht erlaubt sein nach dem Strafgesetzbuch in seiner gegenwärtigen Fassung." Es wurde jedoch nichts unternommen.<ref>{{REFweb | |||
|url=http://www.cirp.org/library/legal/Canada/Somerville-Blais/ | |url=http://www.cirp.org/library/legal/Canada/Somerville-Blais/ | ||
|title=Letter to Pierre Blais, Minister of Justice | |title=Letter to Pierre Blais, Minister of Justice | ||
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}}</ref> | }}</ref> | ||
Mehrere Entscheidungen des [https://www.scc-csc.ca/home-accueil/index-eng.aspx Supreme Court of Canada] stellen die Zustimmung zur nicht-therapeutischen Beschneidung eines Kindes in Frage, entschieden bisher jedoch in keinem Fall über die Beschneidung. | |||
[[Suzanne Bouclin]] (2005) hat die Probleme geprüft und ist zu dem Schluss gekommen: | |||
<blockquote> | <blockquote> | ||
Wenn ein Elternteil oder ein stellvertretender Entscheidungsträger der Ansicht ist, dass es im besten Interesse des Kindes ist, sich einer Behandlung zu unterziehen, kann es zu einem Konflikt zwischen diesem Privileg und dem Grundrecht auf Sicherheit der gemäß Artikel 7 der Charta geschützten Person kommen. Da die Eingriffsbefugnis des Staates weitreichend ist und dauerhaft sein kann, wurde die elterliche Entscheidungsfindung durch die Charta geschützt. Dennoch hat der Gerichtshof festgestellt, dass die Rechte der Eltern nicht absolut sind und dass der Staat eingreifen wird, wenn die Notwendigkeit nachgewiesen wird. | |||
Artikel 7 der Charta gewährt jedem ein gewisses Maß an Autonomie bei Entscheidungen, die sein Privatleben betreffen, einschließlich derjenigen, die eine medizinische Behandlung betreffen. Der Schutz der Sicherheit der Person ist so grundlegend, dass eine medizinische Behandlung, die ohne die Einwilligung des Patienten nach Aufklärung durchgeführt wird, einer Batterie gleichkommen kann. Wenn ein Arzt im Zusammenhang mit der Beschneidung eine routinemäßige Neugeborenenbeschneidung ohne die Zustimmung der Eltern durchführt, kann dieser Arzt für kriminelle Angriffe sowie für Schäden haftbar gemacht werden, die aus ihrer oder seiner Fahrlässigkeit resultieren ([[Margaret A. Somerville|Somerville]], 2000). | |||
Angesichts der Tatsache, dass ein Teil der medizinischen Gemeinschaft zugestimmt hat, dass die routinemäßige männliche Beschneidung nicht therapeutisch ist und dass sie an und für sich eine schädliche Praxis sein kann, ist es vertretbar, dass sie, wenn sie aus nicht therapeutischen Gründen an Neugeborenen durchgeführt wird, gemäß [https://www.justice.gc.ca/eng/csj-sjc/rfc-dlc/ccrf-ccdl/check/art7.html Artikel 7] eine Verletzung der Rechte des Kindes darstellt. Wie die [[Deklaration des Ersten Internationalen Symposiums zur Beschneidung (1989)|Erklärung des Ersten Internationalen Symposiums zur Beschneidung]] bestätigt: „Eltern und/oder Erziehungsberechtigte haben nicht das Recht, der chirurgischen Entfernung oder Veränderung der normalen Genitalien ihrer Kinder zuzustimmen.“ Die Erklärung fügt hinzu, dass die einzige Person, die medizinisch unnötigen Verfahren an sich selbst zustimmen kann, diejenige Person ist, die einen Lebensabschnitt erreicht hat, in dem sie oder er einwilligen kann, und nur dann, wenn sie vollständig über die Risiken und Vorteile des Verfahrens informiert ist. Beachten Sie jedoch, dass die Erklärung kein verbindliches Rechtsinstrument ist. | |||
'''…''' | '''…''' | ||
Das öffentliche Bewusstsein nimmt zu, wie die zahlreichen Eltern, Gesundheitspraktiker, Kinderrechtsaktivisten, Ethiker, Anwälte und besorgten Bürger belegen, die ihre Meinung geäußert haben. Insofern die männliche Beschneidung die Entfernung von gesundem erogenen Fleisch ohne medizinischen Zweck und ohne die Zustimmung des Kindes ist und da es sich um ein schmerzhaftes Verfahren handelt, ist die Neugeborenenbeschneidung unnötig und kann durchaus die körperliche Unversehrtheit eines Kindes verletzen.<ref name="bouclin2005">{{REFjournal | |||
|last=Bouclin | |last=Bouclin | ||
|first=Suzanne | |first=Suzanne | ||
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}}</ref></blockquote> | }}</ref></blockquote> | ||
===Canadian Medical Association | === Ethik- und Professionalitätskodex der Canadian Medical Association === | ||
* | Der CMA-Code hat zwei Aussagen, die für die nicht-therapeutische Beschneidung männlicher Säuglinge relevant sind: | ||
* | |||
* Beteiligen Sie sich niemals an oder unterstützen Sie Praktiken, die grundlegende Menschenrechte verletzen. | |||
* Nehmen Sie niemals an Folterpraktiken oder grausamen, unmenschlichen oder erniedrigenden Verfahren teil oder dulden Sie diese nicht.<ref name="cma2018">{{REFdocument | |||
|title=CMA Code of Ethics and Professionalism | |title=CMA Code of Ethics and Professionalism | ||
|url=https://policybase.cma.ca/en/viewer?file=%2fdocuments%2fPolicyPDF%2fPD19-03.pdf#phrase=false | |url=https://policybase.cma.ca/en/viewer?file=%2fdocuments%2fPolicyPDF%2fPD19-03.pdf#phrase=false | ||
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}}</ref> | }}</ref> | ||
=== | === Rechtsstreit === | ||
Die „New York Post“ (2019) berichtet, dass eine Kanadierin afrikanischer Abstammung ihren neun Tage alten Sohn in die [https://www.vemcregina.com/Victoria East Medical Clinic] in Regina, SK, brachte, damit er dort beschnitten werde. Im Zuge der Beschneidung wurde ihm angeblich die Penisspitze abgeschnitten. Ein Krankenwagen wurde gerufen, aber das [http://www.rqhealth.ca/facilities/regina-general-hospital Regina General Hospital] konnte den abgetrennten Teil nicht wieder anbringen. | |||
Die Familie hat [https://ca.linkedin.com/in/kolade-oladokun-llb-llm-bl-827886114 Kolade Oladokun] beauftragt, der eine Klage eingereicht hat.<ref>{{REFnews | |||
|title= Canadian woman sues after tip of son’s penis cut off in circumcision | |title= Canadian woman sues after tip of son’s penis cut off in circumcision | ||
|url=https://nypost.com/2019/08/19/canadian-woman-sues-after-tip-of-sons-penis-cut-off-in-circumcision/ | |url=https://nypost.com/2019/08/19/canadian-woman-sues-after-tip-of-sons-penis-cut-off-in-circumcision/ | ||
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}}</ref> | }}</ref> | ||
== | == Kanada und die Beschneidung im 21. Jahrhundert == | ||
Jackie Smith (2002) | Jackie Smith (2002) diskutierte den wachsenden Konsens gegen nicht-therapeutische Kinderbeschneidung.<ref name="smith2002">{{REFnews | ||
|title=The growing consensus against circumcision | |title=The growing consensus against circumcision | ||
|url=http://www.cirp.org/news/nationalpost08-30-02a/ | |url=http://www.cirp.org/news/nationalpost08-30-02a/ | ||
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}}</ref> | }}</ref> | ||
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts zahlte nur noch der Manitoba Health Insurance Plan (HIP) die nicht-therapeutische Beschneidung, was jedoch 2006 eingestellt wurde. | |||
Saskatchewan | Saskatchewan hatte eine Inzidenz von Beschneidungen von 27,6 Prozent in den Jahren 2000 und 2001. Das Saskatchewan College of Physicians and Surgeons sagte 2002, dass dies viel zu hoch sei und erheblich reduziert werden sollte. Der Kurator, Dr. Dennis Kimble, sagte: „Sie [die Ärzte] sind nicht verpflichtet, ein Verfahren durchzuführen, nur weil die Eltern es wollen.“<ref>{{REFnews | ||
|title=Sask. college wants circumcision rates reduced | |title=Sask. college wants circumcision rates reduced | ||
|url=http://www.cirp.org/news/medicalpost03-18-02/ | |url=http://www.cirp.org/news/medicalpost03-18-02/ | ||
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}}</ref> | }}</ref> | ||
Die [https://www.canada.ca/en/public-health.html Public Health Agency of Canada] führte 2006-2007 eine Umfrage zu den Geburtserfahrungen von Müttern durch. Punkt 38 war die nichttherapeutische Beschneidung männlicher Säuglinge. (Siehe Seite 224-225.) | |||
<blockquote> | <blockquote> | ||
Unter den Frauen mit einem männlichen Baby gaben 31,9 % (95 %-KI: 30,3–33,6) an, ihr Baby beschnitten zu haben. Es gab deutliche regionale Unterschiede in der Beschneidung. In den 10 Gerichtsbarkeiten, in denen mindestens fünf Beschneidungen gemeldet wurden, lag der Anteil der Frauen, die angaben, ihr männliches Baby beschneiden zu lassen, zwischen 44,3 % (95 %-KI: 39,2–49,4) in Alberta und 43,7 % (95 %-KI: 40,6–46,8) in Ontario bis zu 9,7 %† (95 % KI: 5,2–14,2) in den Northwest Territories und 6,8 %† (95 % KI: 3,6–10,0) in Nova Scotia.<ref>{{REFdocument | |||
|title=What Mothers Say: The Canadian Maternity Experiences Survey | |title=What Mothers Say: The Canadian Maternity Experiences Survey | ||
|url=https://www.canada.ca/content/dam/phac-aspc/migration/phac-aspc/rhs-ssg/pdf/survey-eng.pdf | |url=https://www.canada.ca/content/dam/phac-aspc/migration/phac-aspc/rhs-ssg/pdf/survey-eng.pdf | ||
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</blockquote> | </blockquote> | ||
In | In allen Provinzen und Territorien wird nur eine Minderheit der Jungen beschnitten. Die Inzidenz der Beschneidung in Labrador und Neufundland soll gegen Null gehen.<ref>{{REFweb | ||
|url=https://momlovesbest.com/choosing-circumcision | |url=https://momlovesbest.com/choosing-circumcision | ||
|title=Circumcision: Pros and Cons | |title=Circumcision: Pros and Cons | ||
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}}</ref> | }}</ref> | ||
Die oben erwähnte Umfrage liefert die neuesten verfügbaren Statistiken über das Auftreten von nicht-therapeutischer Kinderbeschneidung in Kanada. Es ist wahrscheinlich, dass die Inzidenz der Beschneidung aus folgenden Gründen weiter zurückgegangen ist, seit die Umfrage durchgeführt wurde: | |||
* | * Der langfristige Trend bei der Inzidenz von Beschneidungen in Kanada ist rückläufig. | ||
* | * Die Krankenkassen (HIPs) unterstützen keine nicht-therapeutische Beschneidung. | ||
* | * Das Verhältnis von intakten Vätern zu beschnittenen Vätern verändert sich hin zu mehr intakten Vätern und weniger beschnittenen Vätern. Jungen, die nach Beginn des Rückgangs der Beschneidung geboren wurden und intakt sind, erreichen jetzt das Alter, in dem sie Familien gründen und Väter werden. Intakte Männer wollen normalerweise nicht, dass ein Sohn beschnitten wird, also lassen sie normalerweise keinen Sohn beschneiden.<ref name="rediger-muller2013"/> Dies wird zu einem weiteren Rückgang der Beschneidungsinzidenz führen. | ||
* | * Die Umfrage ergab, dass die Inzidenz der Beschneidung auf Prince Edward Island 38 Prozent betrug. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht weist darauf hin, dass die nicht-therapeutische Beschneidung von Jungen auf P.E.I. nicht mehr verfügbar ist. weil kein Praktiker die nichttherapeutische [[Amputation]] eines Teils des Penis eines Jungen durchführen wird.<ref>{{REFnews | ||
|title=Mom 'enraged' she can't find doctor to perform circumcision on P.E.I. | |title=Mom 'enraged' she can't find doctor to perform circumcision on P.E.I. | ||
|url=https://www.cbc.ca/news/canada/prince-edward-island/p-e-i-no-doctors-circumcision-1.5187284 | |url=https://www.cbc.ca/news/canada/prince-edward-island/p-e-i-no-doctors-circumcision-1.5187284 | ||
| Zeile 575: | Zeile 589: | ||
}}</ref> | }}</ref> | ||
* | * Die meisten Krankenhäuser bieten keine nicht-therapeutische Beschneidung an, das [https://www.wrh.on.ca/ Windsor Regional Hospital] ist jedoch eine Ausnahme von der allgemeinen Regel. Das Windsor Regional Hospital fördert immer noch medizinisch unnötige, nicht-therapeutische Beschneidungen an Eltern normaler, gesunder männlicher Säuglinge in offensichtlicher Verletzung der Rechte des Säuglings gemäß [https://www.justice.gc.ca/eng/csj-sjc/rfc-dlc/ccrf-ccdl/check/art7.html Artikel 7]. Es wird berichtet, dass das Krankenhaus 51 Prozent der im Krankenhaus geborenen Jungen beschneidet. Dies ist weitaus höher als die Inzidenz von nicht-therapeutischer Beschneidung anderswo in Ontario und Kanada.<ref>{{REFnews | ||
|title=Circumcisions spark debate | |title=Circumcisions spark debate | ||
|url=http://www.cirp.org/news/windsorstar03-19-05/ | |url=http://www.cirp.org/news/windsorstar03-19-05/ | ||
| Zeile 585: | Zeile 599: | ||
|date=2005-03-19 | |date=2005-03-19 | ||
|accessdate=2021-07-22 | |accessdate=2021-07-22 | ||
|quote=Dr. Tony Hammer, | |quote=Dr. Tony Hammer, ein Hausarzt aus Windsor, sagte, seine Kollegen könnten das medizinisch unnötige Verfahren nur durchführen, um Geld zu verdienen. […] Es gibt einen finanziellen Anreiz für Ärzte, und ich frage mich, ob sie ihre Patienten umfassend über einen Mangel an medizinischer Notwendigkeit informieren. | ||
}}</ref> | }}</ref> | ||
DeMaria et al. (2013) | DeMaria et al. (2013) befragten Ärzte im Südwesten Ontarios, die immer noch Beschneidungen durchführen. Sie folgerten aus ihrer Umfrage: | ||
{{Zitat | |||
|Text=Unsere Umfrageergebnisse zeigen, dass die meisten Ärzte, die Neugeborenenbeschneidungen in unserer Gemeinde durchführen, eine informelle und unstrukturierte Schulung erhalten haben. Dieser Mangel an formaler Anleitung kann die Komplikationen und unbefriedigenden Ergebnisse erklären, die in unserer kinderurologischen Praxis beobachtet wurden. Viele Praktiker sind sich der Kontraindikationen für die Beschneidung von Neugeborenen nicht bewusst und die meisten Nicht-Chirurgen führen das Verfahren durch, ohne in der Lage zu sein, mit den üblichen postoperativen Komplikationen fertig zu werden. | |||
|ref=<ref name="demaria2013"> | |||
{{REFjournal | {{REFjournal | ||
|last=De Maria | |last=De Maria | ||
| Zeile 628: | Zeile 645: | ||
|DOI=https://doi.org/10.5489/cuaj.200 | |DOI=https://doi.org/10.5489/cuaj.200 | ||
|accessdate=2021-06-24 | |accessdate=2021-06-24 | ||
}}</ref> | }}</ref> | ||
|Autor=DeMaria et al. (2013) | |||
}} | |||
Stand 2022 ist [[Kostenübernahme]] für nicht-therapeutische [[Beschneidung]] seit 2006 nirgendwo in Kanada mehr verfügbar. Darüber hinaus wird in den meisten Krankenhäusern keine nichttherapeutische Beschneidung durchgeführt,<ref name="jamesloewen2019"/> so dass Eltern, die einen Jungen beschneiden lassen möchten, den Jungen in die Praxis eines Praktikers bringen müssen, der auf nichttherapeutische männliche Beschneidung spezialisiert ist, und außerdem aus eigener Tasche bezahlen müssen. Beispielsweise belaufen sich die Kosten für die Beschneidung eines neugeborenen Jungen in New Brunswick auf 425 CAD und reichen bis zu 1.500 CAD für einen Teenager oder Erwachsenen.<ref>{{REFweb | |||
|url=https://gentleproceduresnb.ca/circumcision/cost-how-much/ | |url=https://gentleproceduresnb.ca/circumcision/cost-how-much/ | ||
|title=Circumcision Pricing & Insurance Coverage | |title=Circumcision Pricing & Insurance Coverage | ||
| Zeile 637: | Zeile 656: | ||
}}</ref> | }}</ref> | ||
Die Prävalenz der Beschneidung ist bei älteren Männern höher, aber niedriger bei jüngeren Männern. Da ältere, meist beschnittene Männer sterben und in der Bevölkerung durch jüngere, meist intakte Männer ersetzt werden, nimmt die Gesamtprävalenz beschnittener Männer in Kanada allmählich ab. Intakte Männer wollen normalerweise nicht, dass ihr Sohn beschnitten wird,<ref name="brown-brown1987"/><ref name="rediger-muller2013"/> daher ist die Nachfrage nach Beschneidung in Kanada rückläufig. | |||
Mayan et al. (2021) | Mayan et al. (2021) führten eine umfangreiche empirische Studie über die männliche Bevölkerung der Provinz Ontario, Kanada (mit 569.950 männlichen Probanden) durch, von denen 203.588 (35,7 %) zwischen 1991 und 2017 beschnitten wurden. Die Studie kam zu dem Schluss, dass der Beschneidungsstatus nicht mit dem Risiko einer [[HIV]]-Infektion zusammenhängt.<ref name="mayan2021">{{REFjournal | ||
|last=Mayan | |last=Mayan | ||
|first=Madhur | |first=Madhur | ||
| Zeile 671: | Zeile 690: | ||
|pages= | |pages= | ||
|url=https://www.auajournals.org/doi/pdf/10.1097/JU.0000000000002234 | |url=https://www.auajournals.org/doi/pdf/10.1097/JU.0000000000002234 | ||
|quote= | |quote=Wir fanden heraus, dass die Beschneidung bei Männern aus Ontario, Kanada, nicht unabhängig mit dem Risiko verbunden war, [[HIV]] zu bekommen. | ||
|pubmedID=34551593 | |pubmedID=34551593 | ||
|pubmedCID= | |pubmedCID= | ||
| Zeile 678: | Zeile 697: | ||
}}</ref> | }}</ref> | ||
Schröder et al. (2021) | Schröder et al. (2021) überprüften die Erfahrungen des [https://www.sickkids.ca Hospital for Sick Children] in Toronto in Bezug auf beschneidungsbedingte Notaufnahmen zwischen 2000 und 2013. Sie fanden heraus, dass 19 zuvor gesunde Neugeborene eine Notaufnahme wegen Komplikationen der Beschneidung hatten. Die Aufzeichnungen von Patienten, die gestorben waren, wurden durchsucht, um diejenigen zu identifizieren, die beschnitten worden waren. | ||
Vier der Jungen hatten Blutungen nach der Beschneidung. Bei vier der Jungen wurde die Eichel amputiert. Zwei zuvor gesunde Jungen starben.<ref name="shroder2021">{{REFjournal | |||
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|first=Annette | |first=Annette | ||
| Zeile 720: | Zeile 739: | ||
|DOI=10.1016/j.euf.2021.12.005 | |DOI=10.1016/j.euf.2021.12.005 | ||
|accessdate=2022-01-15 | |accessdate=2022-01-15 | ||
}}</ref> | }}</ref> Basierend auf den bereitgestellten Daten liegt die geschätzte Todesrate bei einem toten Jungen pro 84.000 Beschneidungen. | ||
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[[Christopher Guest]], {{MD}}, {{FRCPC}}, | [[Christopher Guest]], {{MD}}, {{FRCPC}}, aus Barrie, ON, diskutiert Beschneidung in Kanada: | ||
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* [[Circumcision: The Whole Story]] | * [[Circumcision: The Whole Story]] | ||
* [[Child Circumcision: Rites or Rights?]] | * [[Child Circumcision: Rites or Rights?]] | ||
* [[ | * [[Vorhaut]] | ||
* [[2020 USA & Canada Circumcision Crisis Protests]] | * [[2020 USA & Canada Circumcision Crisis Protests]] | ||